Impuls zum Ewigkeitssonntag

Manchmal fühlt sich Loslassen an wie der Moment, bevor man in kaltes Wasser steigt: ein kurzer Riss im Mut, ein Festhalten aus Gewohnheit. Der Ewigkeitssonntag, der letzte Sonntag im Kirchenjahr, erinnert daran, dass Abschied nicht das Ende der Geschichte ist, sondern ein Übergang. Wir lassen Menschen, Zeiten und Erwartungen los, weil wir sie nicht festhalten können, ohne selbst stehenzubleiben.

Loslassen schenkt Raum: für Erinnerung, die nicht mehr sticht; für Dankbarkeit, die wieder atmen kann; für Hoffnung, die vorsichtig ihre Hand hebt. Vielleicht liegt darin das leise Versprechen: Was wir in Liebe loslassen, verliert sich nicht. Es verändert nur seine Form und begleitet uns auf neue Weise weiter.

So wird Ewigkeit nicht zu einer fernen Idee, sondern zu einem zarten Gegenlicht, das zeigt: Wir gehen weiter, und das Wesentliche geht mit.

Pfr. Stephan Draheim

Foto: epd bild

Impuls zum Buß- und Bettag

Es braucht nur Milisekunden, um jemanden einzuschätzen. Ein kurzer Blick in ein unbekanntes Gesicht genügt. Das läuft völlig unbewusst ab. Bevor mein Kopf sich einschaltet, habe ich längst die Kompetenz oder Vertrauenswürdigkeit meines Gegenübers beurteilt. Kommen Stimme und Gesten dazu, dauert es nur wenige Sekunden, dass ich mir eine erste Meinung bilde – die allerdings außerordentlich schwer wieder zu ändern ist.

Damit bin ich nicht allein. Forschung aus der Wahrnehmungspsychologie bestätigen immer wieder: So ticken wir Menschen. Das steht auch in Verbindung mit dem sogenannten Halo-Effekt: Ist mir eine Person sympathisch, halte ich sie eher für klug und ehrlich. Macht sie etwas falsch, bin ich leichter geneigt, nachsichtig zu sein. Sie trägt quasi einen Heiligenschein (Halo), der die ganze Person und alles was sie tut, in ein freundliches Licht taucht. Der Horn-Effekt bewirkt genau das Gegenteil: Sehe ich Teufelshörner, dann traue ich der Person allerlei Bosheiten zu. Fehler wiegen dann doppelt schwer.

Vermutlich ist das in der menschlichen Entwicklung begründet, dass wir so schnell Urteile fällen. In früheren Zeiten der Menschheitsgeschichte mag es überlebenswichtig gewesen sein, in Bruchteilen von Sekunden über „gefährlich“ und „harmlos“ zu entscheiden. Halo- und Horn-Effekt sparen Zeit, gehen aber auf Kosten von Wahrheit und Wirklichkeit.

Paulus hat mal davon geschrieben, dass es diesen Effekt bei Gott nicht gibt. Weder ein guter Ruf noch ein schlechter Eindruck können Gott blenden. Gott sieht, was ein Mensch tut – das allein zählt, um jemanden zu beurteilen: Gott ergreift keine Partei. Martin Luther hat das wunderbar so übersetzt: „Es gibt kein Ansehen der Person bei Gott.“ (Römer 2,11)

Wir sind dagegen mit dem Urteil schnell dabei – mit dem positiven wie mit dem negativen. Gott sieht tiefer: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16,7) Es ist also kein neuer Gedanke, den Paulus hier notiert, sondern er zieht sich durch die ganze Bibel: Gott sieht durch die Oberfläche der Äußerlichkeiten hindurch und erkennt, wie wir wirklich sind.

Heute ist Buß- und Bettag. In evangelischer Tradition geht es an diesem Tag darum, sich die eigenen Schwächen und Fehler einzugestehen. Es geht auch um unsere verzerrten Wahrnehmungen und schiefen Ansichten. Und vielleicht auch darum in das alte irische Gebet einzustimmen: „Du König der Könige, segne meinen Blick.“

Karsten Dittmann, Pfarrer

 

Foto: pixabay.com

 

 

 

 

Impuls zum 3. Sonntag nach Trinitatis

aus: Unsere Kirche 28/2025, S. 9
Titelbild: Lamar Belina

 

 

 

Impuls zu Pfingsten

Viel zu tun…

Tauben haben traditionell viel zu tun – neben der Briefbeförderung zu früheren Zeiten werden sie kirchlich bis in die heutige Zeit hinein als Friedensbotinnen und -mahnerinnen und als Symbol für den Heiligen Geist in Anspruch genommen. Wie dringend wir ihre Dienste brauchen! Mitten hinein in das viele Unfriedliche unserer Zeit möchten wir mit aller Kraft den Heiligen Geist per Taube schicken: Friedlichkeit verbreitend, Versöhnung stiftend, Verständigung und damit Zukunft ermöglichend.

In der Pfingstgeschichte ist das Verstehen wichtig. Der Heilige Geist reißt  Sprachbarrieren ein – und genau das wird zur Geburtsstunde von Kirche. „Wenn Worte meine Sprache wären.“ So hat es der Sänger Tim Bendzko vor einigen Jahren formuliert. Ja, Pfingsten geschieht, wenn meine Worte beim anderen ankommen als meine Sprache, als Möglichkeit der Verständigung, als echter Kontakt. Keine Phrasen, Push-Nachricht und schon gar nicht Hassrede. Einfach so. Von mir zu dir.

Ein frohes Pfingstfest mit vielen guten Worten der Verständigung im Dienst wie auch Daheim wünscht Ihnen die evangelische Polizeiseelsorge.

 

Impuls zu Ostern

Lichtgestalt

„You are a shining light”, singt Annie Lennox in einem Lied, das sie vor Jahren gecovert hat: „Du bist ein strahlendes Licht! Eine Lichtgestalt.“ Dabei tanzt Annie Lennox mit erhobenen Händen, von denen Lichtstrahlen ausgehen. Eine Segensgeste.

Die Geste imitiert alte Darstellungen des auferstandenen Christus. In helles Licht getaucht, manchmal sogar tanzend, hebt Jesus segnend die Hände. Eine Lichtgestalt, die Dunkelheit und Tod überwunden hat: „You are a shining light.“ Licht und Leben setzen sich durch. Das ist die hoffnungsfrohe Botschaft von Ostern.

Keine Frage: Es gibt genug Dunkelheit und Verzweiflung in der Welt. Wer wüsste das besser als Polizistinnen und Polizisten, die damit oft konfrontiert sind. Aber Osterlicht und Lebenssegen fallen auf uns und werden von uns reflektiert. Das bringt mehr Licht und Tanz und Hoffnung in die Welt: Wir werden selbst zu Lichtgestalten. „You are a shining light!”

Pfarrer Karsten Dittmann

 

 

 

 

Impuls zu Karfreitag

Gewalt

 

Überwunden durch Gewalt.

Gewalt überwinden?

Nachdenken über Gewalt in der Stille des Karfreitag.

 

Ihre Pfarrerin
Stefanie Alkier-Karweick

 

Impuls zu Epiphanias

Epiphanias in Nachbars Garten

Mit dem Dreikönigstag feiern wir die Erscheinung, die Epiphanie des Herrn, die Menschwerdung Gottes in Gestalt eines Neugeborenen, dessen Leben unter einem besonderen Stern steht. Durch ihn verstehen wir mehr von dem guten Stern, unter dem wir alle leben dürfen, als Gewollte, deren Leben Sinn ergibt.

Manchmal sind es überraschende Begegnungen, solche Epiphanien. Zum Beispiel in der Frühe beim Schneespaziergang im dämmernden Licht in Nachbars Garten. Da steht er: Hinter einer Hecke, man muss durch sie hindurchlugen oder über das Gartentor einen Blick auf ihn werfen. In Schlips und Kragen, leicht übergewichtig, eine Lichterkette als Schal, glatzköpfig, die Flügel erstaunlich klein: der Engel aus Beton mit einem ganz ruhigen und sachten Lächeln, als wollte er sagen: Du bist gesegnet und behütet.

Wie die drei Könige, die Sterndeuter können wir uns einreihen in die Schar der Frohen, der Zuversichtlichen, der Zweifler und der Niedergeschlagenen, um mit ihnen auf dem Weg die Lichtpunkte, die der gute Stern weiterhin und ohne Unterlass in die Welt setzt, zu entdecken.

Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben immer wieder solch stärkenden Begegnungen mit Engeln und Lichtpunkten jedweder Art, die Ihnen die nötige Geborgenheit schenken.
Es grüßt Sie herzlich Ihre Pfarrerin Stefanie Alkier-Karweick.

 

Der Stern

Hätt einer auch fast mehr Verstand
als wie die drei Weisen aus dem Morgenland
und ließe sich dünken, er wäre wohl nie
dem Sternlein nachgereist wie sie;
dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest
seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt,
fällt auf sein verständig Gesicht,
er mag es merken oder nicht,
ein freundlicher Strahl
des Wundersternes von dazumal.

Wilhelm Busch

 

Impuls zum Neujahrstag

Das Vergangene abschließen. Das Neue beginnen.

Das Jahr 2024 hinterlässt manche Spuren, die sich gar nicht so leicht abstreifen lassen: global, gesellschaftlich, oft auch persönlich. Trotzdem können und dürfen wir es abschließen. Dürfen uns von Enttäuschungen, Versagen und Groll in Frieden trennen. Dürfen für Beglückendes Danke sagen und es als Stärkung mit hinübertragen nach 2025.

Warum dürfen wir das? Weil die Zukunft offen ist. Niemand von uns weiß, wie es weitergeht mit uns als Menschen, mit uns als Einzelnem, mit dem Planeten. Die nicht so schöne Seite daran: Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass das Gute bleibt. Das Verheißungsvolle daran ist: Das Gute kann bleiben und Besorgniserregendes kann sich zum Positiven verändern. Es macht von daher einfach Sinn, sich selbst ebenfalls dieser Offenheit der kommenden zwölf Monate zu öffnen, sich die eigenen Handlungsmöglichkeiten klar zu machen. Vielleicht ja auch mit der Jahreslosung von 2024 – „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“ – einmal zu überlegen: Woran hat im vergangenen Jahr mein Herz wirklich gehangen? Was und wer geht mir wohl im neuen Jahr ans Herz? Die neue Jahreslosung spornt dazu an: „Prüft alles und behaltet das Gute.“ Das Herz als Sinnbild für die Liebe ist das bedeutendste Kriterium, um herauszufinden, was wir bewahren sollten, denn Liebe ist immer konkret. Wir beschreiben sie mit menschenverbindenden Begriffen: Herzlichkeit, Menschenfreundlichkeit, Barmherzigkeit, Solidarität, Fürsorge, Interesse, Sorgsamkeit, Hingabe, Begeisterung, Mitgefühl. Im Ich-sehe-dich. Im paradiesisch Alltäglichen:

Überall hängt noch ein Fetzen Paradies;
In der silbernen Wolke, im funkelnden Stern.
Überall hängt noch ein Fetzen Paradies:
Im Lachen der Freundin, in den Augen des Fremden.
Überall hängt noch ein Fetzen Paradies:
In Meerestiefen, im Schoß der Erde.
(Else Lasker-Schüler)

Vielleicht ist 2025 ein guter Zeitpunkt für ein Feuerwerk der Liebe zum Leben!
Ihnen und Ihren Lieben ein segensreiches, ja, Liebe versprühendes, „krachendes“ neues Jahr

wünscht Ihre Pfarrerin Stefanie Alkier-Karweick.

 

Impuls zum Weihnachtsfest

„Frieden auf Erden“ – davon haben die Engel in der Heiligen Nacht gesungen. Es ist ein Lobgesang der Hoffnung, denn von „Frieden auf Erden“ kann noch immer nicht die Rede sein, weder in der Ukraine noch im Nahen Osten und auch nicht bei uns.
In diesem Jahr ist der erhoffte Weihnachtsfriede von der Amokfahrt in Magdeburg überschattet. Kein Friede angesichts vieler Toter und Verletzter. Kein Friede angesichts eines Täters, der durch alle Raster fällt: ein saudischer Arzt, der den Islam hasst, mit der AfD sympathisiert und der deutschen Polizei vorwirft, sich mit Islamisten zu verbünden.

Und doch feiern wir auch dieses Jahr Weihnachten – nicht trotz, sondern gerade wegen des Unfriedens in der Welt. In der Welt der Bibel ist „Friede“ selbst ein Hoffnungswort. Es ist Wort, mit dem Menschen sich begrüßen und einander Wohlergehen, Glück und Heil wünschen. Nicht weil Menschen das schon erleben, sondern weil wir es so oft vermissen und uns miteinander danach sehnen und darauf hoffen.

„Frieden auf Erden“ – Das Weihnachtsfest feiern ist Ausdruck der Hoffnung und ein Einüben in den Frieden rings um uns herum. Der Kirchenvater Augustinus hat dafür einst wunderbare Worte gefunden, wie wir das tun können:

„Miteinander reden und lachen,
sich Gefälligkeiten erweisen,
zusammen schöne Bücher lesen,
sich necken,
dabei aber auch einander sich Achtung erweisen,
mitunter sich auch streiten ohne Hass, so wie man es wohl einmal mit sich selbst tut,
manchmal auch in den Meinungen auseinander gehen und damit die Eintracht würzen,
einander belehren und voneinander lernen,
die Abwesenden schmerzlich vermissen,
die Ankommenden freudig begrüßen,
lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe,
die aus dem Herzen kommen,
sich äußern in Miene, Wort und tausend freundlichen Gesten
und wie Zündstoff den Geist in Gemeinsamkeit entflammen,
so dass aus den vielen eine Einheit wird.“

In diesem Sinne wünsche ich uns allen frohe Weihnachten und Frieden auf Erden.

Karsten Dittmann
Polizeipfarrer, EKvW

 

 

Foto: Guilman/pexels.com