Polizeiseelsorge und MepAs

Polizistinnen und Polizisten begegnen in ihren Einsätzen immer wieder Menschen in psychischen Ausnahmesituationen. In den Medien findet das vor allem dann starken Nachhall, wenn dies mit Gewalttaten verbunden ist. Die alltäglichen Begegnungen sind aber nicht weniger herausfordernd: Menschen mit einer Psychose, dementiell Erkrankte, verzweifelte oder ängstliche Personen, Menschen unter Drogeneinfluss. Das Konzept Menschen in psychischen Ausnahmesituationen (MepAs) der Polizei NRW will genau hier ansetzen: mit einem geschulten Blick, einer klaren Haltung und dem nötigen Handwerkszeug.

Am 10. Juli 2025 hat der Beirat für den Kirchlichen Dienst in der Polizei (BKDP) sich im Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei NRW (LAFP NRW) in Selm-Bork mit dem MepAs-Konzept befasst. Auch für die Polizeiseelsorge wirft das Konzept Fragen auf: Was bedeutet MepAs für die seelsorgliche Arbeit? Wie können Einsatzkräfte im Nachgang zu diesen oft emotional aufgeladenen Momenten begleitet und gestärkt werden? Welche Aspekte sind für Ethiklehrveranstaltungen von Bedeutung? Der Studientag fand daher gemeinsam mit neben- und ehrenamtlichen Polizeiseelsorgerinnen und -seelsorgern statt. Der BKDP ist ein beratendes Gremium der Ev. Kirche von Westfalen (EKvW), das besetzt ist mit Vertreter:innen aus Polizeiseelsorge, Polizei, Polizeihochschule und der psychosozialen Unterstützung.

Teilnehmende beim Studientag „Polizei und MepAs“ in der LAFP-Aula in Selm-Bork.

Als Referentin konnte Stephanie Maier gewonnen werden. Die langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am LAFP hat als Psychologin das MepAs-Konzept gemeinsam mit Lehrenden aus dem Einsatztraining maßgeblich entwickelt. Maier führte in die historische Entwicklung und Implementierung des Konzepts ein und stellte seine theoretischen Grundelemente sowie ihre Umsetzung in der polizeilichen Aus- und Fortbildung vor. Am Nachmittag führten Einsatztrainer:innen dann ein eindrückliches Trainingsszenario praktisch vor.

Für den BKDP war die Veranstaltung ein guter Start in eine neue Synodalperiode, in der das Thema „MepAs“ einen inhaltlichen Schwerpunkt bilden soll. Unter Anwesenheit des designierten BKDP-Vorsitzenden, Polizeipräsident Gregor Lange, diskutierten die Teilnehmenden verschiedene Aspekte des umfangreichen Themas. Großer Dank ging an Referentin Stephanie Maier für einen engagierten Vortrag und das Dezernat 11 des LAFP, das insbesondere durch die praktische Demonstration zum Gelingen tatkräftig beigetragen hat.

Titelillustration: Guilherme Gomes bei Pixabay
Foto: Stephanie Alkier-Karweick

 

Grenzgänge

Interview mit Karsten Dittmann zum Start im Kirchlichen Dienst in der Polizei

 

Im August 2024 ist Dr. Karsten Dittmann vom Gemeindepfarramt in den Kirchlichen Dienst in der Polizei gewechselt. Er unterrichtet als Nachfolger von Werner Schiewek „Ethik im Polizeiberuf“ an der Deutschen Hochschule der Polizei  (DHPol) in Münster-Hiltrup und arbeitet mit im Zentrum für ethische Bildung und Seelsorge (ZeBuS) im Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalentwicklung der Polizei NRW (LAFP NRW) in Selm-Bork. Nach über einem halben Jahr im neuen Tätigkeitsfeld hat Polizeipfarrerin Stefanie Alkier-Karweick ein Gespräch über die erste Zeit geführt.

 

Stefanie Alkier-Karweick: Neben der Theologie ist die Ethik deine Branche. Du bewegst dich von daher in deiner neuen Stelle nicht auf fremdem Gebiet, sondern kannst gleich in zwei Institutionen deine Expertise zum Klingen bringen: an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster und am Zentrum ethische Bildung und Seelsorge am LAFP in Selm. Die Ethikräume in Selm tragen den Namen „Grenzgang“ nicht ohne Grund, denn polizeiliche Arbeit kann sicherlich als ein dauerhafter Grenzgang verstanden werden… Bei einer Betrachtung nach hundert Tagen: Welche fünf Begriffe kommen dir angesichts deines persönlichen Grenzgangs zwischen den Institutionen in den Sinn?

Karsten Dittmann: Mir fällt erstmal eine meiner ersten Andachten im Vikariat ein. Darin ging es um die Grenze und den Baum der Erkenntnis. Inspiriert war das von Paul Tillich, der die Grenze mal als fruchtbaren Ort der Erkenntnis bezeichnet hat. Ich konnte mich immer gut mit Tillich identifizieren, der sich als Grenzgänger zwischen Theologie und Philosophie, Religion und Kultur verstand. Am Anfang des Vikariats habe ich damals versucht, herauszufinden wo ich eigentlich stehe, wo ich mich verorte. Jetzt, wo ich nicht mehr Gemeinde- sondern Polizeipfarrer bin, stellt sich die Frage erneut. Insofern ist mein erster Einfall sehr persönlich: Das Wort Erkenntnis. Ich glaube: Wenn man den sicher eingehegten Bereich verlässt und Neuland betritt, dann kann die Grenze wirklich zum fruchtbaren Ort werden.

SAK: Dein fruchtbarer Ort wächst also in dem Bereich des Dazwischen und damit auch in dem der Begrenzung. Das allein ist natürlich eine Erkenntnis. Aber gibt es denn schon einen etwas konkreteren Erkenntnisgewinn, der dabei hilft, uns deine Arbeit und deinen Alltag besser vorstellen zu können?

KD: Wenn ich den Gedanken fortsetze, dann würde ich sagen: Im Moment bedeutet das vor allem das Verlassen der Komfortzone. Ich habe mich zwar intensiv mit Ethik befasst, auf mein theoretisches Wissen kann ich mich aber nicht zurückziehen wie hinter einen schützenden Zaun. Ethik im Kontext Polizei verlangt, dass ich mir noch einmal neu ethische Fragen stelle. Und auch, dass ich mich den aufgeworfenen Fragen von DHPol-Studierenden oder von Polizist:innen stelle, die die Angebote des ZeBuS besuchen.
Meine ZeBuS-Kollegin Johanna Wagner hat unsere Rolle mal sehr schön als „Ethikscouts“ beschrieben. Wir machen uns gemeinsam auf den Weg: Ich mit meinem Ethikwissen, die Polizist:innen mit ihrem Polizeiwissen. Jenseits der Komfortzone stellen wir dann fest: Wir kennen uns nicht aus. Für Ludwig Wittgenstein führt dieses Eingeständnis ins philosophische Nachdenken. Was ist Führung? Was bedeutet Neutralität? Was ist Gewalt? Was sind ethische Aspekte polizeilicher Lagen wie Entführungen und Geiselnahmen oder Demonstrationen, die in Gewalt umschlagen? Was bedeutet Menschenwürde zu achten und zu schützen im polizeilichen Alltag? Was ist polizeilicher Alltag? Um die polizeiliche Lebenswelt zu erkunden, stehen in Zukunft eine ganze Reihe Hospitationen an.

SAK: Ich stelle mir das Verlassen deiner “Komfortzone” auch als ein Eröffnen neuer Denk-Spielräume vor. In der polizeilichen Arbeit scheint ja vieles erst einmal sehr konkret, handgreiflich, leiblich – und dann braucht die Umsetzung des Gewaltmonopols doch viel Hirnschmalz, das Verweben des Handgreiflichen mit dem Durchdenken. Was erwartest du von den Hospitationen, in denen du ja all dem näherrückst: dem Anwenden von Gewalt, dem Aushalten von bedrückenden Situationen, der Gefahrtragungspflicht – was für ein Begriff!

KD: Praktisch erwarte ich von den Hospitationen, mich einer Binnenperspektive zumindest anzunähern – auch wenn ich immer nur Beobachter bleibe. Gerade heute habe ich bei einer Hospitation erlebt, wie Polizei und Feuerwehr gemeinsam ein Anschlagszenario geübt haben. Die Polizist:innen wussten nicht, was sie am Einsatzort erwartete. Im Szenario war ein Auto in eine Menschengruppe gefahren. Verletzte lagen am Boden. Bei der Ankunft der Polizei schoss ein flüchtender Maskierter um sich. Die Polizist:innen mussten sich erst einmal einen Überblick über die Lage verschaffen. Der schon angerückte Rettungswagen fuhr zunächst wieder aus der Gefahrenzone. Die Verletzten schrien um Hilfe. Einzelne Personen zerrten an den Polizisten, dass sie den Schwerverletzten helfen sollten. Trotzdem mussten die Polizist:innen erst einmal sicherstellen, dass sich im Fahrzeug keine Spreng- oder Brandvorrichtungen befanden, keine der Personen, die auf die Polizist:innen einwirkten, möglicherweise Komplizen sind und der Angreifer nicht weiter Schüsse abgeben konnte.
Es war nur eine Übung, aber den Stress, dem die Polizist:innen ausgesetzt waren, habe ich auch selbst körperlich gespürt. Bis den ersten Verletzten direkt geholfen werden konnte, vergingen für uns Beobachter quälend lange Minuten. Wie müssen Betroffene sich in so einer Situation fühlen? Einer aus unserer Beobachtergruppe kommentierte: “Da kannst du eigentlich nur alles falsch machen.” Das Szenario führt in die Grenzbereiche menschlicher Existenz. Diese existenzielle Dimension spürt man auch als Beobachter. Vielleicht sollte ich das als dritten Begriff wählen.

SAK: Karsten, hast du denn eine Idee davon, wie Ethik bei der Bewältigung genau dieser existentiellen Dimension im polizeilichen Alltag helfen kann? Man könnte ja eigentlich von einem existentiellen Grundrauschen sprechen, oder?

KD: Ja, existentielles Grundrauschen trifft es ganz gut. Die Rolle der Ethik ist dabei komplex. Ethik wird oft als „Theorie der Moral“ bezeichnet und dadurch Moral und Ethik unterschieden, obwohl beide Wörter ursprünglich das gleiche bedeuten. Ich würde den Begriff gerne weiter fassen und neben moraltheoretischen Fragen der Richtigkeit auch Fragen nach dem Guten darunter fassen. Es ginge dann z.B. nicht darum, Normen zu reflektieren und zu begründen, sondern aus einer persönlichen Perspektive heraus nach moralischen Erfahrungen zu fragen, nach individuellen Wertvorstellungen und persönlicher Verantwortung und wie das mit Wert- und Moralvorstellungen anderer zusammenpasst.
Man könnte vielleicht Ethik als Kunst verstehen, eine andere moralische Perspektive einzunehmen. Da steckt zweierlei drin: Ethik ist eine kreative Praxis, den eigenen Beruf und das eigene Leben verantwortlich zu gestalten. Ethik ist aber auch die Fähigkeit, moralisch zu reflektieren, zu urteilen und danach zu handeln. Wenn ich es recht bedenke, stecken darin gleich zwei für mich wichtige Begriff drin: Perspektivität und Verantwortung.

SAK: Also muss ich in der Konsequenz verstehen, dass meine Wahrheit immer meine Perspektivität widerspiegelt und ich nicht ohne den Austausch mit anderen und den Wechsel der Perspektive verantwortlich handeln kann. Das Problem ist aber, dass Polizistinnen und Polizisten am Ende alleinverantwortlich dastehen, denn sie haben ja immer den Ermessenspielraum, innerhalb dessen sie ihre Entscheidungen treffen können und müssen. Mir scheint der Begriff der Verantwortung zentral. Ein Polizist, der große und gravierende Lagen lösen musste, hat mir gegenüber einmal gesagt, dass nicht alle immer nur vom Post-Shooting-Trauma sprechen sollten. Er beschrieb seine Belastung als ein Post-Verantwortungs-Trauma. Hätten ihm mehr Perspektivwechsel im Vorfeld gutgetan?

KD: Die Perspektive wechseln heißt für mich, etwas von einem anderen Standpunkt oder unter einem anderen Gesichtspunkt zu betrachten. Ich glaube, dass Perspektivwechsel deshalb hilfreich sind, weil sie unsere moralische Urteilskraft stärken. Zur moralischen Urteilskraft gehört, die Auswirkungen meiner Handlungen auf andere zu verstehen, Empathie zu entwickeln und auf der Grundlage eines umfassenden Verständnisses der Situation Entscheidungen zu treffen. Es kann sein, dass ich in einer Situation etwas tun muss, was mein moralisches Empfinden und damit meine moralische Integrität verletzt. Das hängt mit Gefühlen von Schuld, Versagen, Selbstvorwürfen, Scham etc. zusammen, weil ich meine eigene Verantwortung erkenne. Man spricht hier auch von Moral Injury.
Dass wir am Ende für unser Tun die Verantwortung tragen, gilt ja nicht nur für Polizist:innen, sondern für alle Menschen. Gleichwohl kann die Entscheidung von Polizist:innen für sie belastender sein, weil sie als Träger des staatlichen Gewaltmonopols gravierend in die Rechte von Bürger:innen eingreifen dürfen. Entlastend kann vielleicht sein, dass das gleiche Tun, das einem Täter schadet, einem Geschädigten hilft. Dieser Perspektivwechsel ermöglicht es dann hoffentlich, am Ende des Tages doch in den Spiegel schauen zu können.

SAK: Ja, das wäre doch ein gutes Ziel polizeilicher Berufsethik: Am Ende jedes Tages in den Spiegel schauen zu können!
Danke für deine Einblicke, Karsten, und dir weiterhin viel spannende Entdeckungen in deinem neuen Tätigkeitsfeld.

 

Verantwortung und Macht

Unter der Überschrift „Menschen tragen Verantwortung für die Zukunft“ hat die Zeitung „Unsere Kirche“ ein Interview mit Polizeipfarrer Karsten Dittmann veröffentlicht (Unsere Kirche 9/2025, S. 4+5). Einleitend heißt es darin: „Verantwortung ist ein großes Wort. Jeder Mensch sollte Verantwortung für sich und sein Leben übernehmen. Polizeipfarrer Karsten Dittmann ist zuständig für die Ausbildung von Polizistinnen und Polizisten und steht als Seelsorger zur Verfügung. Dittmann hat außerdem Philosophie studiert und promoviert. Mit Karin Ilgenfritz sprach er über das Thema Verantwortung.“

Was bedeutet für Sie Verantwortung?

In „Verantwortung“ steckt das Wort „Antwort“. Verantworten heißt, Antwort geben zu können – etwa, wenn ich vor Gericht gefragt werde: Warum hast du das gemacht? Zur Verantwortung gehören mindestens drei Aspekte: Die Person, die die Verantwortung trägt. Die Sache, für die sie verantwortlich ist. Und eine Instanz, der gegenüber die Person sich zu verantworten hat.

Woher kommt die Verantwortung?

In der Regel von Normen oder Pflichten, die eine Instanz setzt. Schießt ein Kind mit dem Ball eine Fensterscheibe ein, ziehen die Eltern es zur Verantwortung, weil sie verboten haben, dort mit dem Ball zu spielen. Rechtlich sind aber die Eltern verantwortlich, weil sie die Aufsichtspflicht haben. Passiert etwas, werden sie zur Verantwortung gezogen und müssen für den Schaden haften.

Warum fällt es vielen Menschen so schwer, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen?

Bewusst Verantwortung zu übernehmen, verträgt sich nicht mit der Angst vor Verpflichtungen oder für Fehler zur Rechenschaft gezogen zu werden. Selbst zu entscheiden heißt, auch für Fehler gerade zu stehen. Einfacher ist natürlich, die Verantwortung abzuschieben. Wer als Erwachsener für alles seine Eltern und die frühe Kindheit verantwortlich macht, ist nicht frei. Wie bei Adam und Eva. Ich bin bloß Opfer. Der oder die da ist schuld.

Wie meinen Sie das?

Verantwortung hat viel zu tun mit Freiheit und Macht. Bin ich in der Lage selbst zu entscheiden, was ich tue? Denken Sie an den Comic-Held Spiderman. Der junge Peter Parker wird von einer radioaktiv verstrahlten Spinne gebissen. Der Schwächling bekommt Superkräfte, die er erst für sich selbst einsetzt. Ein traumatisches Erlebnis ändert alles. Er wird zu Spiderman, der sich für Schwache und Unterdrückte stark macht. Er hat erkannt: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.“

Sind Polizistinnen und Polizisten so eine Art Spiderman?

Sicher spielt das Bild vom Helden eine Rolle. Aber auch das Bild vom Helfer. Als Träger des staatlichen Gewaltmonopols sind Polizistinnen und Polizisten mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet: Sie dürfen Autos stoppen, Platzverweise aussprechen und in bestimmten Situationen körperlichen Zwang anwenden. Wie auch immer das Selbstbild ist: Durch ihr Amt haben Polizistinnen und Polizisten viel Macht und tragen daher auch große Verantwortung. In der Ausbildung spielt es daher eine wichtige Rolle, wie sie im polizeilichen Alltag ihre Befugnisse einsetzen und verantwortungsvoll handeln.

Es gibt Situationen, da wird das schwierig.

Ja, gerade in Gefahrmomenten sind Polizistinnen und Polizisten sind gefordert zu entscheiden – eskalieren oder deeskalieren? Wenn die Gesundheit oder gar das Leben gefährdet sind, müssen sie schnell handeln und sich darüber klar sein, was das bedeutet. Sie tragen eine taktische, rechtliche und moralische Verantwortung. Alles steht dabei unter dem Leitsatz des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Sie haben vorhin Adam und Eva erwähnt. Wie ist das da mit der Verantwortung?

Bei Adam und Eva geht es auch um die Frage von Wissen. Wissen ist bekanntlich Macht. Die Geschichte wird meist unter dem Aspekt erzählt, wie die Schuld in die Welt kam. Eigentlich geht es in der Geschichte aber um Wissen. Gott hat einen Garten geschaffen, in dem der Baum des Lebens steht und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Vom Baum der Erkenntnis sollen sie nicht essen, aber die Schlange überredet Eva und diese Adam, doch davon zu probieren. Und plötzlich wissen sie, was gut und böse ist. Das zeigt sich daran, dass sie sich schämen.

Weil sie sich schämen, verstecken sie sich vor Gott?

Gott spaziert durch den Garten und sucht Adam. Aber weil Adam und Eva sich schämen, haben sie sich versteckt. Daran merkt Gott, dass sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Er stellt sie zur Rede. Adam schiebt die Schuld auf Eva und sie auf die Schlange. Ohne von Gut und Böse zu wissen, ist es nicht möglich, Schuld zu erkennen und Verantwortung abzuwälzen.

Das hat dann die Konsequenz, dass beide den Garten, das Paradies verlassen müssen.

Aber weniger als Strafe. Gott ist klar, dass er sich auf Adam und Eva nicht verlassen kann. Blieben sie im Garten, könnten sie weiter vom Baum des Lebens essen. Sie würden nicht nur den Unterschied zwischen Gut und Böse kennen, sondern auch ewig leben. Dann wären sie wie Gott. Das wollte Gott verhindern. Erkenntnis über sich selbst und Macht sind Voraussetzungen für Verantwortung.

Inwiefern kann der christliche Glaube helfen Verantwortung zu übernehmen?

Glaube ist ein wichtiger Motivator. Gott kann eine Verantwortungsinstanz sein. Wer glaubt, dass er für sein Tun nicht nur seinem Gewissen, sondern auch Gott gegenüber verantwortlich ist, denkt in vielen Situationen vielleicht anders.

Kann man auch zu viel Verantwortung übernehmen?

Menschliche Macht hat Grenzen. Wir müssen unterscheiden, was wir beeinflussen können und was nicht. Man kann nicht für alles Verantwortung übernehmen. Wer sich zu viel auflädt oder zu viel übertragen bekommt, ist schnell überlastet.

Manche Menschen schimpfen über ihre Lebensumstände, über die Politik oder die Kirche. Drücken sie sich vor Verantwortung?

Es ist leicht, alles nach außen zu schieben. Ich erlebe das gerade bei mir im Stadtteil. Da haben ein paar Geschäfte geschlossen, die Bank hat die Öffnungszeiten eingeschränkt und ein Café hat zugemacht. Schnell heißt es, die Politik muss etwas tun. Die Leute sehen nicht, dass sie selbst zu der Situation beitragen, indem sie im Einkaufscenter einkaufen, statt im eigenen Stadtteil um die Ecke. Dann zu sagen, die anderen sind schuld und die Politik muss die Probleme lösen, das ist zu kurz gedacht.

Die Wahl steht an. Da können alle ihrer Verantwortung gerecht werden und wählen gehen.

Manche Leute sagen: Auf meine Stimme kommt es nicht an. Das ist aber falsch. Demokratie funktioniert nur, wenn viele Einzelne ihre Stimme abgeben. Wer das tut, wählt schon dadurch die Demokratie. Wer nicht wählt, verzichtet nicht nur auf sein Mitspracherecht, sondern überlässt die Entscheidung denjenigen, die ihre Stimme nutzen. Man nimmt sich selbst heraus und die anderen sollen es richten.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir Menschen tragen nicht nur Verantwortung für das, was in der Vergangenheit gewesen ist, sondern auch für die Zukunft. Stichwort Klimawandel. Wir haben die Wahl, was wir heute durch unser Leben dazu betragen, aber auch durch politische Entscheidungen. Diese Verantwortung nimmt uns niemand ab.

 

 

Das Gespräch führte Karin Ilgenfritz.
Titelbild: Dennis Weiland auf
Pixabay.

 

 

75 Jahre: Evangelische Lagerkirche des Sozialwerks Stukenbrock

Gefeiert wurde am 9. Oktober 2024 um 14 Uhr in der Kapelle des LAFP NRW, Bildungszentrum „Erich Klausener“. Den Folder finden Sie hier. Und hier das Plakat.

Unser neuer westfälischer Kollege: Dr. Karsten Dittmann

Mit vielleicht neun oder zehn Jahren durfte ich mal einen ganzen Vormittag in einem grauen Bulli sitzen und zwei Polizisten bei der Arbeit zuschauen. Sie hatten an einer gefährlichen Stelle, wo viele Autofahrer zu schnell in einen Ort hineinfuhren, einen „Blitzer“ aufgebaut, gleich hinter einem Zebrastreifen. Einem der Beamten durfte ich über die Schulter schauen, als er den Film in dem „Starenkasten“ gewechselt hat. Spannend war auch, dass einige Autofahrer angehalten wurden: Am anderen Ortseingang stand nämlich auch ein Blitzer, und über Funk wurde Bescheid gesagt, wenn jemand sehr schnell gefahren war oder es andere Auffälligkeiten gab. Das ist fast 50 Jahre her, aber die Erinnerung an den Tag hat sich tief eingeprägt. Mein Vater hatte mir dieses interessante „Praktikum“ ermöglicht, weil ich mich damals sehr für die Polizeiarbeit interessierte.

Liegt dieses Interesse ein wenig in den Genen? Das ist wohl eher zweifelhaft. Allerdings waren meine beiden Söhne auch früh an der Polizeiarbeit interessiert und sie haben tatsächlich diesen Weg eingeschlagen. Ich dagegen bin einer anderen Neigung gefolgt und habe Theologie und Philosophie studiert. Ich bin Pfarrer geworden, habe aber auch in Philosophie promoviert. Nach dem Vikariat in Lippstadt und dem Entsendungsdienst in Soest war ich zwölf Jahre lang Pfarrer in Beckum. Mein Vorgänger dort, Friedrich Vogelpohl, dürfte einigen in der Polizeiseelsorge bekannt sein. Vor vier Jahren habe ich eine Gemeindepfarrstelle in Münster übernommen.

Dass meine Söhne bei der Polizei sind – der eine schon Polizeikommissar, der andere noch Anwärter – hatte vielleicht Einfluss darauf, dass mir eine ausgeschriebene Pfarrstelle im kirchlichen Dienst der Polizei genauer angesehen habe: Ethik an der DHPol unterrichten und im Zentrum für ethische Bildung und Seelsorge in Selm mitwirken, das hörte sich sehr interessant an. Ethik war sowohl in der Theologie als auch in der Philosophie ein Studienschwerpunkt. In dem Bereich habe ich auch meine Dissertation geschrieben. Mit dem Wechsel in der Pfarrdienst hat sich mein Focus zwar in Richtung Homiletik verschoben, aber ganz losgelassen hat mich das vielfältige Feld der Ethik natürlich nie.

Nach 20 Jahren Gemeindepfarramt bot sich mit der ausgeschriebenen Stelle die Chance, noch einmal etwas ganz anderes zu machen. Ich habe mich beworben. Die Berufungskommission hat sich für mich entschieden. Am 1. August habe ich die Stelle als Landespfarrer im kirchlichen Dienst der Polizei angetreten. Mit der einen Stellenhälfte bin ich Lehrbeauftragter der EKD für Ethik im Polizeiberuf an der DHPol in Münster-Hiltrup. Die andere Stellenhälfte bedeutet, im Zentrum für ethische Bildung und Seelsorge (ZeBuS) am LAFP in Selm-Bork mitzuarbeiten.

Geboren bin ich 1967 in Braunschweig, aufgewachsen in Warburg. Nach dem Zivildienst in Marburg habe ich dort auch studiert. Ich bin verheiratet, Vater zweier schon erwähnter Söhne und bereits zweifacher Großvater. Meine Interessen sind recht vielfältig. Manchmal überschneiden sich dabei berufliche und private Dinge. So beschäftige ich mich mit Kreativem Schreiben und verbinde dies mit meinem Interesse an Homiletik. Das werde ich mit dem neuen Aufgabengebiet sicher nicht einfach ablegen. Ich laufe viel und gerne, spiele mehr schlecht als recht das japanische Brettspiel Go und habe eine Leidenschaft für Bücher, Kunst und Kino. Ich höre gern v.a. Jazz in seiner ganzen Breite und mache auch selbst ein wenig Musik.

Es ist ein großes Geschenk, mich noch einmal intensiv mit ethischen Fragestellungen befassen zu dürfen. Im universitären Bereich geschieht das oft in „großer Flughöhe“. Das ermöglicht einen weiten Blick, aber die lebensweltlichen Details verschwimmen oft. Die Flughöhe ist jetzt niedriger. Die Fragen werden konkreter, die Problemstellungen deutlicher sichtbar. Am Anfang wird eine intensive Einarbeitung erforderlich sein, auch durch Hospitationen. Sicher werden diese noch eindrücklicher, als einen Vormittag im grauen Bulli zu sitzen. Ich freue mich darauf – und auch darauf, viele neue Kolleginnen und Kollegen kennenzulernen.

Dank an die Polizei für ihren Einsatz bei der Fußball-EM

Kirsten Fehrs, die amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, dankt den Polizistinnen und Polizisten für ihren Einsatz bei der Fußball-EM

Den entsprechenden Text finden Sie hier.

Gruß an alle Einsatzkräfte auf der EM 2024

von der Polizei-, Feuerwehr- und Notfallseelsorge in NRW:

Wir trauern

um den 29 Jahre alten Polizisten, der bei einem Messerangriff auf dem Marktplatz in Mannheim schwer verletzt wurde und gestern seinen Verletzungen erlegen ist. Unser Mitgefühl gilt seinen Angehörigen, seinen Kolleginnen und Kollegen und allen Menschen, die sich ihm verbunden fühlen.

Wieder einmal wird uns brutal vor Augen geführt, welch gefahrvollen Beruf Sie als Polizistinnen und Polizisten ausüben. Das ist uns zwar allen bewusst. Aber realisiert sich diese Gefahr, indem ein Mensch in der Ausübung seines Berufs getötet wird, dann spüren wir eine tiefe Erschütterung und haben vielleicht viele offene Fragen. Scheuen Sie sich bitte nicht, ihre Erschütterung und ihre Fragen mit Ihnen vertrauten Menschen in ihrem beruflichen Umfeld zu teilen. Auch wir von der Polizeiseelsorge stehen Ihnen dafür zur Verfügung. Aber falls Sie ihre Gedanken und Gefühle für sich behalten wollen, so wäre das ebenso verständlich und natürlich völlig in Ordnung. Aber sorgen Sie für sich!

Ihr evangelische Polizeiseelsorge in NRW