Corona: Merkblatt mit Hinweisen für Helfer (Prof. Dr. Karutz)

COVID-19: Hilfen für Helfer

Prof. Dr. Harald Karutz, Mülheim an der Ruhr–www.harald-karutz.deCOVID-19: Hilfen für HelferIm Zusammenhang mit der Coronavirus-Krankheit (coronavirus disease)entwi-ckelt sich derzeit eine Krisenlage, die Einsatzkräfte des Rettungsdienstes, der Feuerwehren, des Katastrophenschutzes und der Polizei sowie sämtliche im Gesundheitswesen tätigenMenschen, insbesondere Ärzte und Pflegepersonal,aller Voraussicht nach vor erhebliche Herausforderungenstellen wird. Auf die-semMerkblatt sind einige Hinweise zur psychosozialen Vorbereitungsowiezu Unterstützungsangeboten für daslaufendeGeschehen zusammengefasst.

Zu erwartende Belastungen
Aktuellist davon auszugehen, dass in den kommenden Wochen viele außergewöhnliche Belastun-gen auftreten werden. Sie werden hier ganz nüchtern benannt, um sich angemessen darauf vorbe-reiten zu können.Zu erwarten sind

  • ein sehr hohes Arbeitspensumsowie eine sehr hohe, lang anhaltende körperliche Belastung,
  • die Konfrontation mit einer größeren Anzahl lebensbedrohlich erkrankter Patienten, von denen einige auch versterben werden,
  • das Miterleben emotionalerReaktionen von Angehörigen,
  • ethische Konfliktsituationen bzw. Dilemmata, in denen unter Umständen folgenschwere Triage-Entscheidungen getroffen werden müssen,
  • die Betroffenheit bzw. Erkrankung von Kolleginnen und Kollegen,
  • eigene Sorgen vor einer Infektionbzw. Erkrankung,
  • Loyalitätskonflikte zwischen familiären und beruflichen Verpflichtungen sowie, aus dem Genann-ten resultierend, sicherlich auchErschöpfungszustände, Ohnmachts-und Überforderungsgefühle.

Persönliche Vorbereitungen

Wer im Einsatz-bzw. dem Gesundheitswesen tätig ist, kann in diesen Tagen jedoch einiges tun, um sich ganz persönlich auf die zu erwartende Situation vorzubereiten. Dazu gehören folgende Aspekte:

  • die Stärkung von Kollegialität, gutem Miteinander und Zusammenhalt (ein verlässliches Team ist gerade jetzt enorm wichtig und wertvoll!),
  • das Training von kurzfristig wirksamen Entspannungstechniken (z. B. durch Muskelrelaxation oderbesondere Atemtechniken –entsprechende Anleitungen sind im Internet zu finden) sowie
  • die Arbeit an der eigenen inneren Haltung und das Aktivieren individueller Schutzmechanismen (z. B. kann jeder sich noch einmal bewusst machen: „Was stärkt, trägt und schützt micheigentlich?“, „Was gibt mir Haltund Sinn?“, „Was sind dieWerte, die mir wichtig sind?“).

Vorbereitungen durch Führung

Auch Führungskräfte können einiges dazu beitragen, dass mit der zu erwartenden Situation so gut wie möglich umgegangen werden kann. Hier sind folgende Punkte anzuführen:

  • die Schaffung bestmöglicher Arbeitsbedingungen (Material, Schutzkleidung, Rückzugsräumewie eine „Helferoase“, Verpflegung usw.),
  • die Klärung von Abläufen und Zuständigkeiten,
  • eine offene und ehrliche (Krisen-) Kommunikation im eigenen Team bzw. Kollegenkreis,
  • die Rücksichtnahme auf persönliche Problemstellungen einzelner Mitarbeiter (z. B. Erkrankung eines Familienmitgliedes, besondere Lebenssituation), sofern dies in der aktuellen Lage möglich ist, sowie
  • das Treffen von Absprachen für die möglichst freiwillige Übernahme besonders risikobehafteter und belastender Tätigkeiten.

Selbsthilfestrategien

In manchen Situationen können Reaktionen auftreten, die darauf hinweisen, dass die persönliche Be-lastungsgrenze erreicht ist. Ein trockener Mund, zittrige Hände, weiche Knie, zunehmende Fehlgriffe und Denkblockaden können hier beispielhaft aufgeführt werden. Solche Reaktionen sind verständlich; man kann ihnenin Akutsituationenzunächst mit einfachen Selbsthilfestrategi enentgegenwirken:

  • Bewusstmachen positiver Vorerfahrungen („All dies habe ich schon geschafft!“),
  • sich hilfreiches und Entlastendes vor Augenführen („Auf mein Team kann ich mich verlassen!“),
  • auf einzelne Maßnahmen konzentrieren(Blutdruck messen oder eine andere Routinetätigkeit aus-führen, um dadurch innehalten und etwas zur Ruhe kommen zu können),
  • Rationalisieren („Ich mache einfach meinen Job, und das mache ich gut!“),
  • die Nutzung imaginativer Techniken, d. h. die Vorstellung von hilfreichen Bildern vor dem „inneren Auge“(Gedanken an eine schöne Urlaubserfahrung, Visualisieren eines erfreulichen Bildes usw.)
  • Positive Selbstinstruktionen, indem man sich selbst eine konstruktive Anweisung gibt(„Ich kann das!“, „Ich schaffe das schon!“),
  • eine kurze Auszeit nehmen und sich vorübergehend ablösen lassen,
  • sich immer wieder bewusst machen: Auch diese Krisenlage wird nicht unendlich andauern!

Kollegiale Unterstützung

Kolleginnen und Kollegen sollten in der Krisenlage besonders aufeinander achten, wertschätzend mit-einander umgehen und sich gegenseitig unterstützen. Manchmal ist schon eine einfache Geste wertvoll; ein aufmunternder Blick oder ein verständnisvolles Kopfnicken beispielsweise. Außerdem kann empfohlen werden:

  • Vor-bzw. ohnehin (z. B. aus privaten Gründen) sehr stark belastete Kolleginnen und Kollegen mög-lichst zu schonen,
  • Arbeitsaufträge an die aktuelle Leistungsfähigkeit eines jeden einzelnen anzupassen, sofern dies möglich ist, und
  • auf konkrete Anzeichen einer akuten Überlastungzu achten und ggf. Entlastunganzubieten. Wichtig zu wissen ist jedoch, dass „funktionierende“ Kolleginnen und Kollegen nicht in ihrer Arbeit unter-brochen werden sollen: Wer seine Arbeit gut erledigt, soll dies tun können. Natürlich muss aber jeder einzelne darauf achten, regelmäßige Pauseneinzulegen.

Unterstützungsangebote„zwischendurch“

Üblich ist, dass vor allem nacheiner besonders belastenden Situation Hilfen angeboten werden. In der aktuellen Krisenlage scheint es jedoch angebracht, auch schon während deslaufenden GeschehensUnterstützung anzubieten, um die Handlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten, Ressourcen zu stärken und einfach eine Gelegenheit zum „Auftanken“ zu geben. Hier kann zum Beispiel hilfreich sein:

  • Ruhephasen einzulegen (wenn auch nur für kurze Zeit!),
  • sich für einen Moment zurückzuziehen (etwa für ein Gebet, das Wahrnehmen der Natur, das erneute Bewusstmachen eigener Ressourcenusw.),
  • die Nutzung von „Alltagsverfahren“ (eine Zigarette rauchen, einen Kaffee trinken, duschen, sich umziehen usw.),
  • persönliche Gefühle und Gedanken einmal täglich bzw. regelmäßig aufzuschreiben(Stichworte reichen mitunter schon aus)und natürlich
  • sich mit vertrauten Menschen über das Erlebte auszutauschen.

Jeweils am Ende einer Dienstschicht kann auch ein psychosozialer„Jour Fix“sinnvoll sein, d. h. die Ge-legenheit für einen standardisierten (kurzen!) psychosozialenAustausch. Dazu gehören könnte:

  • eine Runde, in der jeder, der dies möchte, etwas zu den vergangenen Stunden sagen kann,
  • die Beantwortung konkreter Fragen,
  • das Angebot einer Phantasiereise oder einer Entspannungstechnik sowie
  • ein Tagesabschluss mit einem stärkenden Impuls oder einem Halt gebendenRitual.

Dringend empfiehlt es sich, psychosoziale Fachkräfte (Seelsorger für Einsatzkräfte, Krankenhausseel-sorge, Einsatznachsorgeteams bzw. Teams für die Psychosoziale Unterstützung usw.) in die Lagebewäl-tigung einzubeziehen!

Weiterführende Literatur (kostenloser Download unter www.harald-karutz.de)
Karutz H, Blank-Gorki V (2014)
Psychische Belastungen und Bewältigungsstrategien in der präklinischen Notfallmedizin.
NotfallmedUp2date 9: 355-375.

Karutz H (2013) Handlungsfähig bleiben –aber wie?
Selbsthilfestrategien bei akuter Belastung im Einsatz. Notarzt 29: 58-63.

Links
www.hilfenfuerhelfer.de
www.psu-akut.de
www.sbe-ev.de

Prof. Dr. Harald Karutz, Mülheim an der Ruhr – www.harald-karutz.de
Kontakt zum Autor dieses Merkblattes: harald@karutz.de

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