Und zum Ende des Jahres ein weihnachtlicher Gottesdienst

Ansprache des Bonner Polizeipräsidenten Wolfang Albers im „Weihnachtlichen Gottesdienst für die Polizei und andere interessierte Menschen“am 15.Dezember 2009 in der Johanneskirche, Düsseldorf-Stadtmitte.

Joh. 8, 12-16

Jesus das Licht der Welt

“Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“

Wie viele Bilder der Bibel erschließt sich der Text und derenBildhaftigkeit erst, wenn wir uns in die Lebensumstände vor 2000 Jahren zurückversetzten. Anders als heute war es zu dieser Zeit auf der Welt tagsüber hell und nachts eben dunkel. Tagsüber schien die Sonne und nachts spendete bestenfallsein Lagerfeuer oder ein Öllämpchen ein wenig Licht –ansonsten war es dunkel -stockdunkel. Kein Scheinwerfer, keine Mac lightwar zur Hand. Wer sich heutzutage bei einer Wanderung in den Bergen verlaufen oder zeitlich vertan hat und so in die Dunkelheit gekommen ist, der wird die Bedrohlichkeit der Situation ansatzweise nachvollziehen können. Und trotzdem bewegten sich die Menschen vor 2000 Jahren auch nachts –siewandelten in der Finsternis -schon um der Hitze zu entkommen –mit allen Gefahren, die dann lauerten;von Räubern überfallen zu werden,sich zu verlaufen oder zu stürzen. Erst wenn man sich in diese Situation versetzt wird klar, welch Segen für die Menschen seinerzeit das Licht bedeutete -Orientierung,Sicherheit und Geborgenheit. Diese physische Dunkelheit ist uns heute nicht mehr geläufig. Auch des nachts erleuchtet die Straßenbeleuchtung Stadt und Land. In den Großstädten und Einkaufspassagen spielt Tageslicht keine Rolle mehr und wir sind doch immer wieder erstaunt, wenn wir nach einiger Zeit ein Kaufhaus verlassen und es draußen schon dunkel geworden ist.Wir sprechen heute in diesem Zusammenhang von „Licht smok“

Aber das Dunkle im Leben, daskennen wir auch heute natürlich alle –im Privaten und im Dienstlichen.
Die Beziehung, die schonlange nicht mehr glücklich ist. Das eigene Kind, das mehr als Sorgen macht. Da drückt eine Schuldenlast, da man sich mit der Hausfinanzierung übernommen hat, denn der Finanzierungsplan sieht Brüche in einemBeamtenlebeneben nicht vor.Krankheit und Tod von Angehörigen, Freunden und Kollegen

Aber es gibt auch die dunklen Seiten im Dienstlichen –und die gibt es beim Ermittlungs-und beim Wachdienstbeamten. Auf der Straße,auf der Autobahn und auf dem Rhein. Es gibt sie bei Vorgesetzten und Mitarbeitern, beim Anwärter und beim Polizeipräsidenten.Wir alle haben Lasten zu tragen die so unterschiedlich sind wie das Leben bei der Polizei unterschiedlich ist und die uns unterschiedlich belasten.
Uns belastet das getötete Kind beim Verkehrsunfall und wenn esuns trotz bestem Tun nicht gelungen ist,bei einer häuslichenGewalt schlimmeres zu verhindern. Es ist Dunkel,wenn wir einen Gewalttäter nicht fassen können und neue Gewalttaten drohen.
Aber auch eine ungerecht empfundene Beurteilung kannDunkelheitin unser Leben bringen–oft über viele Jahre-oder ein gebrochenes Versprechen auf die erhoffte und erwünschte Funktion. Es belastetmich,als Verantwortlicher für eine Behörde, wenn mühsam errungenes Vertrauen bei der Kollegenschaft oder der Bevölkerung unter den Händen zerrinnt, wenn Botschaften nicht mehr ankommen, wenn Misstrauen und Vorsicht das Miteinander bestimmen.

Und es sind die dunklen Seiten in der Welt, die oft so unbegreiflich sind, die nach Gerechtigkeit schreien. Es hungern 1 Mrd.Menschen und wir leben im Überfluss. Da bleibt die Lebensgefährtin eines verstorbenen Kollegen unversorgt zurück und der Bänker auch nach der Pleite mit hohen Boni. Da ist es bei uns schon schwer ein Autozu kaufen, das nicht 200 km/h fährt und an den Polkappen schmilzt das Packeis.

“Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“sagt Jesus –aber wo ist das Licht in diesen dunklen Stunden?

Im abgelaufenen Jahr war ich auf fünfBeisetzungen von Kollegen, die im Dienst –ganz plötzlich oder nach langem Leiden verstorben sind –Es waren soviele Beisetzungenwie in keinem Jahr zuvor. Noch heute früh haben wir Polizeidirektor Hans -Rudi Raabe zu Grabe getragen. Und doch gerade dort in derKirche,in der tiefsten Trauer und Verzweiflungwar das Licht der Hoffnung oft zu verspüren. Da berichteten Kollegen von den schönen Erlebnissen,die sie gemeinsam mit dem Verstorbenenverbinden. Von seinen Fähigkeiten und Talenten und von seinen menschlichen Stärken und Schwächen.Da war immer Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit auf der Erde. Und da war auch immer die Frohe Botschaft, dass das Leben mit dem Tod nicht zu Ende ist.Und immer wieder spüre ich dieses Licht auch bei den Angehörigen und Kollegen,die mit Größe und Stärke Abschied nehmen.

Und auch bei belastenden Ereignissen, die uns im dienstlichen Alltag mit Leid und Tod ganz nahe sind,können wir in einerstillen Stunde danach wieder ins Licht blicken. Ein Wort mit einereinfühlsamen Kolleginoder einem einfühlsamen Kollegen. Wenn wir nach der Schicht bei unsern Partnerinnen und Partnern, bei unseren Familiendaheim Trost finden. Oder wenn wir Ruhe finden in der Wache oder dem Dienstzimmer, in uns gehen und Besinnungfinden, dann ist das für mich ein Strahl dieses Lichtes, den Jesus in die Welt gebracht hat.

Aber schwerer ist es offenbar, beideralltäglichen Dunkelheit aufdas Licht Jesu Christus zu bauen,sich durch ihn den Alltag erhellen zu lassen. Wo ist dieses Licht, wenn Unverständnis und Missachtung sind, wenn Missgunst und Neid das Klima vergiften. Hier fällt es mir schwer,das Licht zu sehen in meinem Nächsten und ich kann es auch nicht in mir selbst spüren, wenn der Gram in mir frisst und mir wie ein Stein im Bauch liegt –Tag und Nacht.
„Ich bin das Licht der Welt“ so spricht Jesus und es er hat uns vorgelebt-bis in den Tod.Er hat in seinem Leben Ungerechtigkeit und Missachtung erfahren und gespürt, als Mensch und als Gottes Sohn. Und er hat darunter gelitten wie wir darunter leiden. Aber er hat uns auch vorgelebt,dassUngerechtigkeit und Missachtung nur auf dieser Welt sind. Und er hat uns vorgelebtundgezeigt, dass wir sie nicht hinnehmen und erdulden müssen. Er ist uns ein Beispiel, dass wir Ungerechtigkeit und Missachtung nur überwinden können, wenn wir sie mutig offenlegen und bekämpfen, wie er es getan hat. Und wir können dies tun in der Gewissheit, dass Ungerechtigkeit und Missgunst ein irdisch Ding sind und in der Gewissheit auf Gerechtigkeit im Jenseits.

Aber woher bekommen wir die Gewissheit auf Erden gerecht zu handeln? Wie können wir auf Erden dieses Licht der Gerechtigkeit erkennen,wie wird uns diesesLicht der Gerechtigkeit zuteil?

Jesus spricht:
“Ihr richtet nach dem Fleisch, ich aber richte niemand. Wennich aber richte, so ist mein Richten gerecht, denn ich bin ́s nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat.Auch steht in eurem Gesetz geschrieben, dass zweier Menschen Zeugnis wahr sei. Ich bin`s, der von sich selbst zeugt und der Vater, der mich gesandt hat, zeugt auch von mir“

Das Zeugnis von zwei Menschen war in der damaligen Zeit ein gültiger Rechtssatz, eine Beweisregel. Daran knüpft Jesus an als er von den Pharisäern der Unwahrheit bezichtigt wird.
Jesus stellt diese Regel nicht in Frage. Vielmehrer nimmt diese Regelauf und stellt sie in den göttlichen Zusammenhang. Sein Zeugnis und damit auch Gottes Zeugnissind das erforderliche zweifache Zeugnis.

Die Gerechtigkeit auf Erden ist uns als Menschen von Gott anvertraut und uns als Aufgabe und Verpflichtung gegeben. Dazu gibt die Bibel viele Hinweise –letztlich auch die zehn Gebote. Aber ein göttliches Gesetz, aus dem sich die Gerechtigkeit ablesen ließe, darauf können wir uns nicht stützen. Gerechtigkeit auf dieser Welt herzustellen ist in allererster Stelle die Aufgabe von Gesetz und Rechtgeschaffen von und für Menschen.
Aus leidvoller Geschichte wissen wir, dassGesetze auch die Grundlage von Unrecht, Ungerechtigkeit, Leid und Mord sein können.

Aber auch heute in unserem Rechtsstaatwissen wir, die wir täglich mit dem Gesetz umgehen, wie unbestimmt das Gesetz häufig ist, wie sehr es bei der Anwendung unserer Interpretation,unserer Entscheidungenbedarf. Und dabei spielt unser Menschenbild eine entscheidende Rolle.
Wenn wir Gerechtigkeit und Recht unter einerchristlich-jüdischen, humanistischen Grundauffassungdefinieren und entsprechendhandeln, dann können wir uns von dem leiten lassen, was Jesu uns vorgelebt hatund was uns dazu in der Heiligen Schrift berichtet wird.

Ich verstehe nicht warum der Gesetzgeber vor diesem Hintergrundden Abschuss eines Flugzeuges mit unschuldigen Passagieren inTerroristenhand für zulässig erachten konnte,auchwenn damit der Wunsch verbunden war,Menschenleben in einem angesteuertenHochhaus zu retten? Nicht nur dassjeder Jurist im Grundstudium lernt, dassMenschenleben nicht gegen Menschenleben aufgewogen werden darf.Das Leben des Nächsten, des unschuldigen Opfers, des Schwachen und Hilfsbedürftigen-sie stehen im christlichen Leben und Denken nicht zur Disposition. Wie gut tat da die klare Entscheidung des BVerfG –dassdas Leben und die Würde der unschuldigen Menschen unter den absoluten Schutz stellt.

Ich verstehe die Kolleginnenund Kollegen inder Dienststelle im sog. Bonner Loch, die Tagein,Tag aus für Sicherheit und Ordnung in der offenen Drogenszene in der BonnerInnenstadt sorgen. Die sich der hilfsbedürftigen Drogenabhängigen ebenso annehmen, wie der Bürgerinnen und Bürger,die sich durch diese belästigt oder gefährdet fühlen. Die Drogenkriminalität bekämpfen, indem sie den Abhängigen einen Weg aus der Szene weisen. Die durch ihre Anwesenheit Straßenraub bekämpfen –Straßenraub z.Nachteil von Passanten –Straßenraub aber auch z. Nachteil von Angehörigen der Szene.Ich verstehe sie und habe Respekt vor ihrem Tun.

Ich verstehe nicht die Diskussion um die Androhung oder gar die Anwendung von Folter um den Willen eines Menschen zu brechen, selbst wenn dies mit dem Ziel der Rettung eines unschuldigen Lebens getan wird. Die Würde des Menschen –auch des schuldigen Menschens –sind an vielen Stellen des Neuen Testaments Thema. Jesus bezieht Position –für die Würde des Menschen –auch des schuldigen Menschens. Die schnellen, die kurzen, die unmittelbar einleuchtenden Argumente, dassind nicht immer die humanen, die christlichen Argumente.

Ich verstehe die Kollegen, die sich als Soziale Ansprechpartner in der Polizei um die Sorgen und Nöte von Kolleginnen und Kollegen,die in materielle oder seelische Not geraten sind,kümmern. Die zuhören und helfen, die Position beziehen für die Not leidenden, gegenüber den Vorgesetzten, denKolleginnen und Kollegen,gegenüber Behörden und Banken. Und dies tun sie in aller Regel im Nebenamt. Dies tun sie, wenn ihre Hilfe gebraucht wird,tags und nachts. Und sie leiden häufig mit! Ich verstehe sie und habe Respekt vor ihrem Tun.

“Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben“Wir als Christen haben die Chance und die Aufgabe dieses Licht in die Welt zu tragen. Wir als Christen in der Polizei haben die Chance und die Aufgabe dieses Licht in unsere Welt zu tragen –in unsere Wache, in unsere Dienstgruppe in unser Kommissariat, in unsereHundertschaft oder wo auch immer wir wirken damit es hell wird wo Dunkelheit herrscht, im Leben der Menschen, derKolleginnen und Kollegen aber auch in unserem eigenen Leben.

Amen

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